Olivier de Berranger

Makroökonomie

Ein gestärktes Europa nach der Krise

Nach vier Tagen und drei schlaflosen Nächten intensiver Verhandlungen einigten sich die Regierungen der 27 Mitgliedstaaten am Mittwoch, den 21. Juli 2020, in Brüssel auf ein Konjunkturprogramm für die europäische Wirtschaft. Ob wir sie jetzt Corona- oder Eurobonds nennen, Europa hat  soeben einen Schritt in Richtung Haushaltssolidarität getan, denn diese Anleihen werden gemeinsam im Namen der Union begeben. Wenn auch nur vorübergehend sollen sie den Ländern, die von der durch das Coronavirus ausgelösten Wirtschaftskrise am schwersten getroffen wurden, unter die Arme greifen  und markieren eine wichtige Neuerung. Wieder einmal rückt die Union in einer existenziellen Krise enger zusammen, denn wenn Europa eine Krise durchmacht, geht es meist gestärkt daraus hervor. Die Einrichtung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) nach der Griechenland-Krise 2012 war bereits eine schwere Geburt. Diese Mal dürfte die Trennung vom Vereinigten Königreich, durch die das Gewicht der sogenannten „sparsamen“ Länder geringer wurde, geholfen haben.

Konkret verpflichteten sich die Länder der Union auf diesem Gipfel auf einen Konjunkturplan in Höhe von 750 Milliarden Euro. Dies entspricht 5,3 % des BIP der Union. Mehr als die Hälfte wird den schwächsten Mitgliedern als Zuschüsse gewährt und am Ende von allen 27 Ländern zurückgezahlt.

Als unmittelbare Folge dieser Beschlüsse gingen die Anleihenrenditen der europäischen Länder weiter zurück, und die Renditespreads zwischen den Ländern verengten sich abermals. Ein logischer Trend, denn gemeinsam haben die europäischen Staaten ein AAA-Rating, also die höchste Bewertung der Ratingagenturen, während beispielsweise Italien je nach Agentur mit BBB oder BBB- nur ein Rating knapp über Ramschniveau aufweist. Eine Fortsetzung dieser Renditebewegungen dürfte auch angesichts der massiven Hilfen der EZB und ihrer Bereitschaft, im Falle einer zweiten Pandemiewelle noch weiter zu gehen, wahrscheinlich sein.

Ein weiterer Effekt der erzielten Einigung ist die Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar, seinem größten Rivalen. Der Euro kehrte auf zuletzt 2018 verzeichnete Niveaus zurück. Dies ist alles in allem logisch, denn in den Augen der internationalen Anleger hebt sie eine Besonderheit der Eurozone teilweise auf: eine Währung für 19 unterschiedliche Ansätze in der Haushalts- und Fiskalpolitik.

Nach 60 Jahren erweisen sich die Worte Robert Schumans, eines der Gründerväter der EU, als äußerst weitsichtig: „Europa lässt sich nicht mit einem Schlag herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.“

Autoren: Olivier de Berranger, CIO; Clément Inbona, Fund Manager

Redaktionsschluss: 24.07.2020